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Buch: Die Frau, die im Mondlicht aß

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Buch: Die Frau, die im Mondlicht aß

Ungelesener Beitragvon Feechen » Mo 4. Mai 2015, 21:03

Essstörungen überwinden durch die Weisheit uralter Märchen und Mythen.

(„Die Frau, die im Mondlicht aß“ von Anita Johnston)


Stell dir vor, du stehst im Regen am Ufer eines tosenden Flusses. Plötzlich rutscht die vom Wasser aufgeweichte Böschung unter dir ab. Du fällst ins Wasser und wirst von den Stromschnellen mitgerissen. All deine Bemühungen, dich über Wasser zu halten sind vergeblich und du wirst wohl ertrinken. Doch zufällig schwimmt ein großer Balken vorbei, an den du dich klammern kannst. Dieser Balken hält deinen Kopf über Wasser und rettet dir das Leben. An den Balken geklammert, schwimmst du stromabwärts und gelangst schließlich wieder in ruhigeres Wasser. In der Ferne erblickst du das Ufer und du versuchst dorthin zu schwimmen. Doch das gelingt dir nicht, weil du dich immer noch mit einem Arm an den dicken Balken klammerst und mit dem anderen Schwimmzüge machst. Wie ironisch, dass das, was dir das Leben rettete, dir jetzt im Wege steht. Am Ufer stehen Menschen, die deinen Kampf mit ansehen und brüllen: „Lass den Balken los!“ Aber das kannst du nicht, denn du hast kein Vertrauen in deine Fähigkeiten, es bis zum Ufer zu schaffen.

In einer ähnlichen Lage befinden sich viele Menschen, wenn ihnen ihr gestörtes Essverhalten zum ersten Mal bewusst wird. Sie fühlen sich bestenfalls albern – schlimmstenfalls gedemütigt, weil sie nicht in der Lage sind ein Verhalten aufzugeben, das im Konflikt liegt mit ihrem Wunsch im Leben das zu erreichen, was sie anstreben. Angesichts ihrer Scham vergessen sie rasch die Rolle, die die Essstörung bei ihrem Überleben gespielt hat. Die Essstörung, die ihnen half, in stürmischen Zeiten den Kopf über Wasser zu halten, weil sie damit Konflikte, Gefühle und schwierige Situationen bewältigen konnten. Wenn sie sich weiterhin so „destruktiv“ verhalten, nehmen sie an, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Diese Sicht wird leider von wohlmeinenden Freunden, Angehörigen und Experten bestärkt, die vorschlagen man solle „einfach damit aufhören“ sich nicht mehr zu Tode zu hungern, überessen und erbrechen, einfach aufhören zwanghaft zu essen und weiter zuzunehmen.
Den Balken einfach nur loszulassen ist aber vielleicht nicht der beste Weg. Was passiert, wenn man loslässt, aufs Ufer zuschwimmt und auf halber Strecke merkt, dass man nicht die Kraft hat, es zu schaffen? Das heißt, man hat auch nicht die Kraft zurück zum Balken zu schwimmen. Viele Menschen fühlen sich albern, weil sie sich an den Balken klammern und viele ihrer Freunde, Angehörigen und selbst Therapeuten sind frustriert von ihrem „Widerstand“ einfach aufzuhören. Sie behalten die Hartnäckigkeit mit der die Betroffenen sich an ihre Essstörung klammern für einen Charakterfehler statt für ein Zeichen von innen heraus, dass noch mehr Vorbereitung nötig ist. Wenn man von einer Essstörung geheilt werden will, muss man den Widerstand dagegen respektieren, statt ihn zu verdammen. Man muss anerkennen, dass jedes Verhalten, das den Weg zur Heilung versperrt, verzögert oder behindert, einen Sinn und eine bestimmte Bedeutung hat, die sehr wichtig und sogar essentiell sein können.
Eine Frau, die geheilt werden will muss eindeutig verstehen wie ihre Essstörung ihr bisher gedient hat, damit sie aufhört, sie als bloßes Hindernis auf ihrem Weg zum Glück zu betrachten. Erst dann kann sie die Fähigkeiten erkennen, die sie entwickeln muss, um ein von Völlerei, Diäten und Obsessionen freies Leben zu führen.
Die eine Frau findet vielleicht heraus, dass ihr Dicksein ihr geholfen hat unerwünschte sexuelle Annäherungsversuche von Männern zu vermeiden. Das sagt ihr dass sie ihr Selbstbewusstsein entwickeln muss ehe sie sich von ihrem „Gewichtsproblem“ befreien kann. Eine andere entdeckt vielleicht, dass sie sich vollgegessen und dann wieder entleert hat, um die inneren Spannungen loszuwerden, die sie immer bei Konflikten erlebt. Das bedeutet, dass sie, um die Bulimie loszuwerden lernen muss, wie man Konflikte besser bewältigt. Wiederum eine andere Frau erkennt vielleicht, dass ihre Besessenheit mit Diäten ihr geholfen hat mit der aufdringlichen, alkoholsüchtigen Mutter umzugehen; sie muss bei der Gesundung lernen, wie man in Beziehungen Grenzen setzt.
Wenn man von einer Essstörung geheilt werden will, muss man diejenigen Fähigkeiten ausbilden, die man braucht, um den Balken zu ersetzten. Wenn diese Fähigkeiten sich entwickelt haben, entdeckt die Frau, dass sie viel wirksamer und effektiver sind als ihr gestörtes Essverhalten und sie bedient sich nun lieber dieser um mit allen Schwierigkeiten fertig zu werden, die das Leben ihr präsentiert. Sie kann den Balken nun loslassen und sich auf ihre neugefundenen Fähigkeiten verlassen, die sie über Wasser halten und ihr die Kraft verleihen es zum Ufer zu schaffen.

Und sehr, sehr langsam und vorsichtig lässt du den Balken fahren und übst ein paar Schwimmzüge. Wenn du drohst unterzugehen klammerst du dich rasch wieder an. Dann lässt du den Balken wieder los und übst Wassertreten und wenn du müde wirst, hälst du dich wieder fest. Nach einer Weile versuchst du einmal um den Balken herumzuschwimmen, dann zweimal, dann zehnmal, zwanzigmal, hundertmal, bis du genügend Kraft und Vertrauen hast, um bis zum Ufer zu gelangen. Erst dann kannst du den Balken vollständig loslassen.

Die Gesundung von einer Essstörung beginnt mit dem Verständnis, dass das gestörte Essverhalten dir diente, als dein einziges Ziel Überleben hieß. Dieser Erkenntnis folgt die Entwicklung neuer Fähigkeiten, die dir ermöglichen nicht bloß zu überleben, sondern auch das vom Leben zu bekommen, was du dir wünschst: Wohlbefinden. Überleben ist nicht mehr das einzige Ziel. Das Ziel heißt nun ein reiches, erfülltes Leben zu führen. Es handelt sich um einen allmählichen Prozess, der erfordert, dass man das Fehlurteil: „Es stimmt etwas nicht mit mir“ aufgibt, wichtige Lebensfähigkeiten entwickelt und lernt der inneren Stimme zu vertrauen, die einem schon sagen wird, wenn man bereit ist.
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Re: Die Frau, die im Mondlicht aß

Ungelesener Beitragvon Feechen » Mo 4. Mai 2015, 21:04

Hunger als Metapher



Erinnere du dich an das letzte Mal, als du dich richtig vollgestopft hast. Erinnere dich an das Gefühl, das du dabei hattest, ehe die Schuldgefühle einsetzten. Vielleicht erinnerst du dich an den benommenen Zustand, in dem alle Gefühle aus deinem Bewusstsein verdrängt waren und du zumindest vorübergehend nicht mehr an deine Prüfung dachtest, die am nächsten Tag anstand, an den Streit mit deinem Mann oder an die verhasste Arbeitsstelle.
Für den, der unter Einsamkeit und einem Gefühl von Leere leidet, kann Essen zum ständigen Begleiter werden. Essen wird eine Möglichkeit etwas zu tun, eine Möglichkeit die Leere im Leben auszufüllen indem man sich wenigstens im Magen ein Gefühl von Fülle schafft. Andere hungern stattdessen, damit sie ihre Einsamkeit nicht spüren. Sie verleugnen ihre Einsamkeit, um nicht das Risiko eingehen zu müssen neue Menschen kennenzulernen oder anderen näher zu kommen deren Zurückweisung sie fürchten.
Für viele Menschen ist Essen ein Weg Gedanken und Gefühle zu vermitteln, die sie direkt nicht ausdrücken können. Ein Kind, das sich von den diätbewussten Eltern stark kontrolliert fühlt nimmt vielleicht zu, um zu sagen: „Ihr könnt mich nicht so machen wie euch. Ich bin ein eigenständiger Mensch.“ Ein anderes Kind wird vielleicht magersüchtig, um „ihnen zu zeigen“, wer sein Leben in Wahrheit in der Hand hat.
Wohl jeder benutzt Essen auf die eine oder andere Weise nicht nur als körperliche Nahrung. Solange das aber nicht der einzige Weg wird mit dem wir Schwierigkeiten bewältigen ist das kein Problem.
Wir hungern nicht nur nach körperlicher Nahrung, sondern auch nach Trost und Zuwendung, nach Selbstverwirklichung du spiritueller Erfüllung. Alle diese Bedürfnisse bewirken in uns eine innere Leere wenn sie nicht befriedigt werden. Wenn wir aber alle Hungergefühle unterschiedslos als Hunger auf Essen deuten, vergraben wir unsere echten Bedürfnisse immer tiefer statt sie zu erfüllen.
Um sich von ihrer Essstörung zu befreien muss die Frau die Metaphernsprache erlernen. In der Sprache der Metaphern steht Hunger vielleicht für eine ganze Reihe von Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen. Dass unser Körper in Metaphern zu uns spricht schlägt sich auch in unserer Sprache nieder. „Die Galle läuft uns über“ wenn wir in einer ärgerlichen oder schwierigen Situation wütend werden. Wir haben alle das Bedürfnis ab und zu mal „frei von der Leber weg“ zu reden. Wir bekommen vor Aufregung „Herzklopfen“ oder vor Empörung „keine Luft“.
Eine Frau, die sich von ihrer Essstörung heilen will muss die tiefere Bedeutung ihres Hungers erkennen. Vielleicht blieb ihr größter Herzenswunsch unerfüllt, vielleicht ist ihre Neigung sich vollzustopfen ein Versuch inakzeptable oder verstörende Gefühle hinunter zu stopfen. Vielleicht weist die Besessenheit mit ihrer Idealfigur auf den Wunsch hin ihre weichen, rundlichen, weiblichen Formen zu verbergen.

Vor langer, langer Zeit gab es in Japan einmal eine fröhliche alte Frau, die allein in ihrem Haus an einem Berghang wohnte. Sie hatte ein paar Hühner, die ihr Eier gaben, aber nicht mehr. Meist hatte sie nur sehr wenig zu essen zu litt oft Hunger.
Eines Abends buk sie sich ein paar Reiskuchen zu einem kargen Mahl, doch da fielen die Reiskuchen vom Küchentisch und auf den Boden, rollten aus der Tür und weiter den Berg hinab. Von Hunger getrieben rannte die alte Frau hinter ihnen her.
Die Reiskuchen rollten immer weiter bergab und wurden immer schneller. Die alte Frau rannte hinterher, bis sie endlich vor einem Felsen zum Stillstand kamen. Lachend und außer Atem griff die alte Frau nach ihrer Mahlzeit, als eine lange, schuppige, krallenartige Pfote hinter dem Fels hervorfuhr und danach schnappte.
Die alte Frau spähte hinter den Felsen und erblickte gerade noch ein großes Wesen, das eben in einer schmalen Felsspalte verschwand. „Mein Essen, mein Essen!“ schrie sie und folgte rasch dem Wesen, das durch einen schmalen, dunklen Gang huschte. Das Wesen blieb erst stehen, als es in einer großen Höhle ankam, wo sich noch mehrere andere seltsam aussehende große Kreaturen aufhielten.
Die alte Frau blieb wie angewurzelt stehen und betrachtete die hässlichen Monster: Sie hatten Hörner auf dem Kopf, riesige Mäuler, die sich von einem Ohr zum anderen zogen und drei rote Augen, die sie alle anstarrten. Sie erkannte, dass sie sich in der Höhle der Oni befand, Dämonen, die unter der Erde leben und sich nur nachts hervorwagen.
Da die alte Frau großen Hunger hatte wurde sie wütend statt ängstlich, besonders als sie sah, wie die gierigen Oni ihre ersehnten Reiskuchen verschlangen. „Das sind meine Reiskuchen!“ schrie sie. „Ihr habt mein Essen gestohlen!“
Die Oni starrten sie an und leckten sich die Krallenpfoten ab. Dann sagte einer von ihnen: „Hast du die Reiskuchen selber gemacht?“
„Ja, sicher“ antwortete die Frau. „Ich kann sehr gut Reiskuchen backen.“ Sie konnte nicht widerstehen damit etwas anzugeben.
„Na, dann komm mit uns und mach noch ein paar“ sagte der Oni und ging ihr voran tiefer in die Höhle. Die Frau folgte ihm, denn sie war nun hungriger als je zuvor und konnte dem Gedanken an eine gute Mahlzeit nicht widerstehen. Sie gingen durch ein Labyrinth aus Gängen, bis sie in einen Raum gelangten, in dem ein riesiger, runder Kochtopf stand. Der Oni ließ ein paar Reiskörner in den großen Topf fallen und goss Wasser darauf.
„Du brauchst aber mehr Reis“ schalt die alte Frau. Der Oni starrte sie bloß an und reichte ihr einen flachen Holzlöffel.
„Nimm den zum Umrühren“ wies er sie an.
Die Alte tat, wie ihr geheißen und schon bald füllte sich der Topf zu ihrer Überraschung mit Reis. Sie buk einen großen Stapel Reiskuchen der Oni und aß auch einige selber.
„Jetzt will ich wieder nach Hause gehen“ verkündete sie schließlich. „Würdest du bitte so freundlcih sein und mir den Weg zeigen?“
„Oh nein“ schnaubte der Oni. „Du musst hierbleiben und für uns kochen.“
Das aber wollte die alte Frau überhaupt nicht, doch als sie sah, dass sie von Oni umringt war und den Weg zurück nicht kannte, beschloss sie ihre Gedanken besser für sich zu behalten.
So buk die Alte also weiterhin Reiskuchen für die Oni während sie insgeheim einen Fluchtplan schmiedete. Sie bemerkte, dass man das Wasser zum Kochen aus einem nahen Fluss holte und da sie wusste, dass Oni nicht gern Wasser überqueren überlegte sie, dass ihr die Flucht gelingen könnte, wenn sie sich ein Boot besorgen konnte. Während sie so kochte und rührte fiel ihr ein leerer Kochtopf auf, der ein wenig größer war als sie selbst und sie beschloss, dass er sehr gut als ihr Fluchtboot dienen könnte.
Als die Oni am nächsten Tag eingeschlafen waren (denn sie waren ja Nachtwesen), legte die alte Frau den Rührlöffel in den leeren Topf und zerrte ihn zum Fluss hinab. Sie sprang hinein und begann mit dem Löffel flussabwärts zu paddeln. Aber der Lärm, als sie den Topf zum Fluss zerrte hatte ein paar Oni aufgeweckt und sie eilten ans Flussufer und brüllten dort laut vor Wut.
Die alte Frau paddelte so schnell sie konnte, denn sie merkte, dass die Oni das Wasser aus dem Fluss tranken und dabei wie ungeheure Ballons anschwollen. Bald lief der Topf auf dem steinigen Flussbett auf Grund und die Fische zappelten auf dem Trockenen.
„Hier, esst doch die Fische“ rief die alte Frau, schnappte ein paar Fische und warf sie den Oni zu. Die gierigen Dämonen, die immer nur essen wollten fingen die Fische mit ihren Tatzen auf. Aber als sie den Mund öffneten, um sie herabzuschlingen strömte ihnen das Flusswasser aus dem Mund und die alte Frau konnte bald, kichernd vor Freude über ihre Gerissenheit weiterpaddeln.
Der riesige Kochtopf brachte sie schließlich in Sicherheit. Als sie an Land ging, ließ sie den Topf zurück, behielt aber den Zauberlöffel und kehrte in ihr Haus zurück, wo sie bis zum heutigen Tag lebt.
Hunger hat sie nie wieder gelitten, denn mit dem magischen Reislöffel konnte sie immer genau so viele Reiskuchen machen, wie sie brauchte und hatte sogar genügend übrig, um sie unter ihren Nachbarn zu verteilen.

Solche Geschichten wie dieses alte japanische Volksmärchen „Die alte Frau und die Reiskuchen“ führen uns in die Welt der Metaphern, wo wir unter der Oberfläche verborgene Hinweise finden, wie wir uns von der Besessenheit mit Essen befreien können.
Die alte Frau jagt wie viele Menschen hinter ihrem Essen her, denn sie ist von Hunger getrieben. Welchem Essen jagst du hinterher? Und was für eine Art Hunger ist es, den du befriedigen willst? Die alte Frau, die ihrem Essen hinterherjagt, begegnet hungrigen Dämonen, die verborgen unter der Erde leben und einen unerstättlichen Appetit haben. Vielleicht können wir diese Dämonen als unsere eigenen erkennen mit denen wir in unserer eigenen Seele ringen, die ihr Gesicht nie im Tageslicht zeigen, sondern immer nur auftauchen, wenn die Sonne untergeht. Und auf wen haben sie Hunger? Womit wollen sie genährt werden?
Solche Geschichten – auch deine eigene – sind nicht wortwörtlich zu nehmen, denn sonst wirken die Personen und Ereignisse zu unsinnig, um irgendeine Bedeutung zu haben. Doch wenn wir uns tiefer in solche Fabeln hineinversenken, wenn wir sie sich in unserer Seele setzen lassen, erkennen wir die Wahrheit hinter der vordergründigen Geschichte, eine Wahrheit, die unseren persönlichen Kampf spiegeln und uns helfen kann eine Lösung für unser ganz spezielles Problem zu finden.
Die unterirdischen Dämonen dieser Geschichte, die im Dunkeln hausen, heißen Oni. Wie würdest du deine Dämonen nennen, die sich in den dunklen Nischen deines Unterbewusstseins verstecken? Einsamkeit? Angst vor Ablehnung? Finanzielle Unsicherheit? Selbsthass? Minderwertigkeitsgefühle? Was sucht dich heim, nagt an dir herum, hält dich gefangen und verlangt nach Nahrung?
Stell dir vor du hast einen Zauberlöffel, mit dem du grenzenlos Nachschub für deine Dämonen herbeischaffen kannst. Was für Essen wäre das? Was wollen deine Dämonen? Was wünschen sie sich von dir? Zuwendung? Liebe? Geld? Selbstachtung? Oder vielleicht deine Wut?
Solange wir unsren nicht-körperlichen Hunger verkennen werden wir versuchen ihn mit Essen zu stillen – und bleiben auf ewig hungrig. Aber wenn wir unsren Hunger definieren und ein tieferes Bewusstsein dessen entdecken, nach dem wir hungern, haben wir Aussicht, die richtige Nahrung zu finden.
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Re: Die Frau, die im Mondlicht aß

Ungelesener Beitragvon Feechen » Mo 4. Mai 2015, 21:05

Gefühle

Geschenke des Herzens



Vor langer, langer Zeit lebte am Ufer des Mekong-Flusses ein Waisenkind mit Namen Wa. Seit sie groß genug war, einen Korb Reis auf dem Rücken zu tragen arbeitete sie für den Dorfältesten.
Alle Dorfbewohner arbeiteten Tag für Tag schwer und lange. Und genau wie alle anderen erhielt Wa kaum genügend zu essen für ihre Arbeit. Sie musste helfen hohe Bäume zu fällen und wenn der Reis reif war schälte sie von morgens bis abends die Hülsen ab. Vom Holzfällen hatte sie Blasen an den Händen und von den rauen Reisspelzen juckten ihre Finger und waren wund. Daher sammelte sie jeden Abend Kräuter, um sie auf die schmerzenden Hände zu legen. Im Laufe der Zeit gewann sie so viele Kenntnisse über die Heilkraft der verschiedenen Pflanzen du die anderen Dorfbewohner kamen oft mit ihren Wunden zu ihr.
Eines Tages kam ein Bote des Dorfältesten und befahl Wa das Reishaus zu bewachen, das auf Pfählen nahe einem Reisfeld stand. In diesem Haus lagerte der ganze Vorrat und das hungrige Mädchen sehnte sich nach etwas zu essen, aber sie erinnerte sich auch an die Warnung ihres Herrn: „Mein Reis wird von einem bösen Geist bewacht. Wenn du nur ein einziges Korn isst, wird der Geist in dich fahren. Dann wirst du sterben und dich in ein Reiskorn verwandeln.“
Die Arme war vor Angst wie gelähmt und bleib lieber hungrig. Im Traum sah sie, wie ihr Herr von den Reisvorräten immer fetter und reicher wurde, während die Dorfbewohner, die für ihn arbeiteten, immer dünner und kränker wurden.
Eines Nachts wurde sie durch einen heftigen Tritt in die Seite aus dem Schlaf geweckt. Es war der Sohn des Dorfältesten, der sie anschrie: „Du faules Schwein! Füll diesen Eimer mit Wasser bis ich zurückkomme!“
Wa sprang erschrocken hoch und rannte schnell zum Fluss, um den Auftrag auszuführen. Als sie sich seufzend bückte, um den Eimer zu füllen, überspülte der Fluss sanft ihre Füße. Ganz plötzlich aber schäumte das Wasser auf und sang, so dass sie voll Angst aufs Trockene zurücksprang.
Da tauchte aus dem im Mondlicht glänzenden Schaum ein hochgewachsenes Mädchen auf, das ein langes, schimmerndes Gewand trug. Sie trat zu Wa, ergriff ihre zitternde Hand und sagte: „Die jüngste Tochter des Wassergeistes ist krank. Unsere Kobolde sagen, dass du, Wa, dich mit Kräutern auskennst und sie heilen kannst. Komm mit mir und hilf ihr.“
„Nein, nein, das kann ich nicht“ rief Wa. „Ich muss hier das Reishaus bewachen. Wenn mein Herr herausfindet, dass ich nicht da bin, wird er mich sicher töten.“
Da öffnete sich ein Weg vor ihr und das Mädchen führte Wa in die Wassertiefe hinab. Dort versuchte Wa das kranke Kind, das, wie man ihr sagte, von einem Skorpion gebissen worden war, als es am Ufer spielte. Drei Monate lang hatte es mit einem Fieber darnieder gelegen und konnte weder essen noch schlafen. Wa berührte die Wunde und trug den Geistern auf, welche Kräuter sie suchen sollten. Drei Tage nachdem sie die Kräuter angewendet hatte, war das Mädchen wieder gesund.
Der Wassergeist war außer sich vor Freude und frage, was Wa zur Belohnung wollte. Wa antwortete: „Ich wünsche mir nur, dass ich mein hungriges Volk retten und alles tun kann, um ihm zu helfen.“
Da reichte ihr der Wassergeist eine kostbare Perle und sagte: „Was immer du dir wünschst, die Perle wird es dir erfüllen.“
Wa dankte dem Wassergeist und kehrte aufs Land zurück. Bei ihrer Rückkehr sah sie entsetzt Vogelspuren rings um das Reishaus, das sie im Stich gelassen hatte. Die Vögel hatten die Hälfte der unbewachten Vorräte aufgefressen.
In dem Augenblick kam ein alter Mann vorbei und sagte: „Wo bist du in den letzten drei Monaten gewesen? Diese Diebesvögel haben den Reis des Herrn gestohlen. Er sucht nach dir und sein Zorn ist schrecklich.“
Wa setzte sich nieder und vergrub den Kopf in den Händen. Sie dachte, sie wäre nur drei Tage fortgewesen. Sie weinte, bis ihr dünnes Kleid von den Tränen ganz durchnässt war. Doch dann fiel ihr die kostbare Perle wieder ein. Sie zog sie hervor und sagte: „Perle, wunderbare Perle, bring mir Reis zu essen.“
Sofort erschien vor ihr eine große Bambusschale mit Reis, unter den allerlei Speisen in vielen Farben gemischt waren. Hinter ihr war ein Reislager zu sehen, das dreimal so groß war wie das Reishaus des Herrn.
Wa zog die Perle hervor und sagte: „Perle, wunderbare Perle, bring mir ein Haus, ein paar Büffel und ein paar Hühner“. Fast noch im gleichen Moment erhob sich vor ihren Augen ein großes Haus auf Bambuspfählen, ein paar Hühner scharrten davor auf der Erde herum und daneben zwei stämmige Büffel.
Am nächsten Morgen machte sich Wa auf den Weg zum Haus des Dorfältesten. Als er das Mädchen erblickte brüllte er sogleich: „Hier kommt der wertlose Haufen Kuhdung, der meinen Reis gestohlen hat. Ich werde ihn den Tigern in den Bergen vorwerfen!“
„Es war nicht meine Schuld, dass du deinen Reis verloren hast.“ Erwiderte Wa kühn. „Aber mach dir keine Sorgen. Ich werde alles ersetzen, was du verloren hast. Schick nur deinen Sohn zu mir es abzuholen.“
Der Sohn des Dorfältesten schnaubte: „Ich komme gleich mit. Und wenn du auch nur ein einziges Körnchen zu wenig ablieferst, werde ich deinen Kopf auf einer Schale hierher zurückbringen!“
Als Wa und der Sohn des Dorfältesten an Was prachtvollem Haus mit seinem riesigen Reislager ankamen, blieb ihm vor Überraschung der Mund offen stehen und die Augen sprangen ihm fast aus dem Kopf. „Nimm, was du willst“ sagte Wa. „Ich gehe zum Fluss fischen.“
Der Anblick ihres Reichtums beeindruckte den Mann so sehr, dass er Wa nun mit anderen Augen betrachtete. „Ich will deinen Reis nicht“ stammelte er. „Ich will dich heiraten.“
Als er wieder nach Hause kam und alles seinem Vater berichtete, rief der wütende Dorfälteste seine Wachen herbei und befahl ihnen das Mädchen umzubringen und ihr Haus in Besitz zu nehmen. Aber die guten Dorfbewohner warnten sie vor den Plänen des Herrn. Wieder nahm das Mädchen seine Zauberperle hervor und sagte: „Perle, wunderbare Perle, beschütze mich vor dem bösen Mann.“
Da sprang plötzlich eine riesige Gebirgskette rings um das Haus des Dorfältesten aus dem Boden. Er und seine Männer konnten die Felsen nicht übersteigen und das arme Volk nie wieder belästigen.
Die weise, gerechte Wa aber teilte ihren Reichtum mit den Dorfbewohnern, die nie wieder Hunger leiden mussten und sie beschütze sie stets mit ihrer wunderbaren Perle.


Wie Wa lebt die Frau, die gegen eine Essstörung ankämpft, in einer Welt, die aus Verantwortung, Pflichten und Versagungen besteht. Sie ist stets hungrig, weil es in dieser Welt keinen Platz für das gibt, was sie fühlt und was sie will. Ihr Leben wird von den Werten eines „Dorfältesten“ kontrolliert, der in ihr lebt – einem inneren Tyrannen, der sie antreibt, immer mehr zu tun und sich dann weigert sie anständig für ihre harte Arbeit zu entlohnen.
Dieser „Aufseher“ im Kopf verweigert ihr nicht nur angemessene Ernährung, sondern verlangt zudem, dass sie das Essen sorgfältig bewacht, aber nicht isst, wenn sie Hunger hat. Er flößt ihr die Furcht ein, dass der böse Geist der Verwöhnung von ihr Besitz ergreift, wenn sie auch nur einen winzigen Bissen isst und beschuldigt sie ein „faules Schwein“ zu sein.
Wenn eine Frau, die sich von ihrer Essstörung befreien will zum Fluss der Gefühle geht, der das Leben durchzieht, bekommt sie vielleicht Angst, wenn die Wasser ihrer Emotionen aufschäumen und singen. Wie Wa weigert sie sich möglicherweise anfangs sich in die Tiefen ihrer Gefühle zu stürzen (indem sie darauf besteht, dass sie ihr Essen bewachen muss), bis sie schließlich begreift, dass der Zorn der abgelehnten Emotionen schrecklich sein kann.
Wir lernen unsere Gefühle abzublocken, um unsere Angst vor ihnen zu bewältigen. Wir bauen Dämme, um den natürlichen Fluss abzubrechen. Wir entwickeln zwanghaftes Essverhalten, um uns von ihnen abzulenken. Statt auf unsere Gefühle zu achten und sie herauszulassen, denken wir an Essen, Fitnessübungen oder die Arbeit. Nach Jahren solcher Ablenkung sind unsere Gefühle so weit hinter den Vorhang unserer Obsessionen geschoben, dass wir den Kontakt zu ihnen verloren haben. Unsere Gefühle werden zu Fremden, die uns Rätsel aufgeben und uns erschrecken. Wir erkennen sie nicht mehr, können sie nicht identifizieren und ihnen keinen Namen mehr geben. Wir können nicht mit ihnen kommunizieren, können keinen Kontakt zu ihnen herstellen und sie nicht bewältigen. Wir sind uns ihrer nicht einmal gewahr, bis sie so intensiv werden, dass sie uns verschlingen. Dann wird unser Schmerz unerträglich, die Einsamkeit fühlt sich an, als würde sie niemals enden und unsere Wut drängt auf destruktive, gewaltsame Art hervor.
Wenn wir eine Zeitlang mit aufgestauten Gefühlen leben, baut sich der Druck in uns immer stärker auf. Es können körperliche Spannungen, Nervosität, Gereiztheit, Magenschmerzen und Kopfschmerzen entstehen, wenn wir Gefühle jahrelang in uns verstecken. Wie lernt man mit solchem Druck zu leben? Lenkt man sich ab, indem man sehr viel arbeitet, indem man Kalorien oder Pfunde zählt, eine Diät einhält oder indem man zwanghaft isst? Versuchst du ein Nachlassen der dauernden Spannung zu erreichen, indem du Sport treibst oder zu viel isst, um dich anschließend zu übergeben?
Wir müssen begreifen, dass nicht die Gefühle selbst den Kreislauf aus Heißhungerattacken und Erbrechen, zwanghaftem Essen, Fasten, Besessenheit mit Essen und Dicksein bewirken – sondern nur unser Versuch, die Gefühle selbst nicht zu empfinden.

Wenn wir unsere Gefühle nicht mehr als einen Feind betrachten, als etwas, das unsren Handlungen, unserem Denken und dem, was wir tun sollten im Wege steht, bauen wir eine andere Beziehung zu ihnen auf. Wenn wir uns mit unseren Gefühlen anfreunden, entdecken wir möglicherweise, dass sie zu Verbündeten auf der Reise werden, die unser Leben darstellt. Sie können uns zu tiefem Verständnis führen, wer wir wirklich sind und was wir wirklich wollen, ein Verständnis, das wir sonst nicht finden würden.
Die Heilung von gestörtem Essverhalten hängt davon ab, ob wir eine freundschaftliche Beziehung zu unseren Gefühlen aufbauen, neugierig auf die eingehen, sie nicht beurteilen und die Gaben annehmen, die sie uns darbieten.
Eine Frau, die ihre Beziehungen zu ihren Gefühlen ändern will, damit sie ihre Essstörung loswird, muss als erstes ein schärferes Bewusstsein von ihren Gefühlen entwickeln, damit sie sie genauer in sich spürt. Sie muss die verschiedenen Empfindungen in sich kennenlernen und darauf achten, wo sie sie in ihrem Körper spürt. Das hilft ihr die Gefühle voneinander zu unterscheiden.
Statt die Gefühle zu verwechseln und sie nur vage zu umschreiben – wie etwa „schlecht“, „durcheinander“, „okay“ – muss sie lernen, sie genauer und gründlicher zu definieren. Sie muss in der Lage sein, beispielsweise Wut zu erkennen und zu merken, dass sie sich anders anfühlt als Frustration, Erschöpfung oder Gereiztheit. Als nächstes muss sie lernen ihre Gefühle ohne Bewertung oder Verurteilung zu akzeptieren und verstehen, dass es keine richtige oder falsche Art des Empfindens gibt. Manche Gefühle sind zwar angenehmer und gesellschaftlich akzeptabler als andere, aber kein Gefühl ist den anderen überlegen. Verschiedene Gefühle bringen einem verschiedene Erfahrungen ein und bieten uns unterschiedliche Lehren an.
Schließlich muss die Frau ihre Gefühle deutlich und direkt ausdrücken. Ein angemessener Ausdruck für Traurigkeit ist es, zu weinen oder Tagebuch zu schreiben. Wut kann mit einer Freundin oder einem Freund oder mit dem Menschen, auf den man wütend ist, durchgesprochen werden – oder man geht unter die Dusche und schreit oder schreibt einen bösen Brief, den man nicht abschickt. Bei Einsamkeit kann es angemessen sein jemanden, mit dem man befreundet ist, anzurufen oder einen Brief an jemanden zu schreiben, den man vermisst. Manchmal braucht man auch überhaupt nichts zu tun, außer bei dem Gefühl zu bleiben, bis es verschwindet. Es geht darum angemessen auf das jeweilige Gefühl zu reagieren und nicht alle Gefühle voneinander zu unterscheiden. Man muss akzeptieren, ohne sie einzuordnen, und anerkennen, dass Gefühle keinen Sinn zu ergeben brauchen. Man muss sie nicht mögen, aber sie müssen akzeptiert werden. Und schließlich gehört dazu der ehrliche Ausdruck, wie man sich fühlt, sowie die Bereitschaft, aufrichtig und wahrhaftig zu handeln.
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Re: Buch: Die Frau, die im Mondlicht aß

Ungelesener Beitragvon Litho » So 7. Jun 2015, 21:17

Ich habe das Hörbuch zum Buch.
Irgendwie mag ich es so gar nicht. Das Konzept finde ich toll, aber die Art zu schreiben ist mir zu sehr auf Frauen ausgelegt. Ich habe das Gefühl, die Autorin ist eine Feministin mit Esotherik-Anlagen..... auch mich sehr unsympathisch, da habe ich dann auch keine Lust, Ratschläge anzunehmen.
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Re: Buch: Die Frau, die im Mondlicht aß

Ungelesener Beitragvon Anouk » So 27. Dez 2015, 13:32

Ich habe das Buch schon lange zu Hause liegen, da es mir empfohlen wurde, aber ich hab ehrlich gesagt noch nie rein geguckt und drin gelesen... :oops:
Vielleicht sollte ich das bald mal nachholen, ich finde die Idee dahinter nämlich wirklich sehr schön!
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